Versammlung der Fragen
Abstract:
Üblicherweise beginnt Wissenschaft/Kunst/Kritik damit, Fragen zu formulieren, Fragen an einen Forschungsgegenstand, ein Objekt der Kritik, an das, was uns umgibt – ein Stirnrunzeln, ein Stutzen zunächst. Ein Unbehagen, das vielleicht doch kein Objekt und keinen Gegenstand braucht, um zur Frage zu werden. Das Stellen einer Frage, vieler Fragen, von Fragenden, an Orten, in Feldern, zu Zeiten, mit denen nicht gerechnet wird – wird zum emanzipatorischen Akt. Wer es wagt zu fragen, die Stimme zu erheben, bemächtigt sich, ermächtigt sich und unterbricht den langen Monolog des Urteils. Des Urteils über wahr und falsch und richtig, über sicht- und unsichtbar, über Anerkennbarkeit und Nicht-Anerkennbarkeit.

In einer Auswahl und Neuzusammenstellung von Fragen aus Maja Linkes PhD-Arbeit „von WIR und IHR zum WIHR – verletzendes Sprechen und Kritik“ (2013), die u.a. aus einem Korpus von 943 Fragen zur sprachlichen Gewalt besteht, wird hier exemplarisch auf sowohl visueller als auch auditiver Ebene das Fragen als eine künstlerische Arbeitsweise und kritische Handlungsfähigkeit vorgestellt.

Während sich in Ausstellungskontexten Besucher*innen auf ihre je eigene Weise den im Raum gehängten Fragen (in Form von 944 Monotypien, Öl auf Papier, je 29,7 x 21 cm, 2013) auch mit ihren Körpern und Perspektiven annähern können, wird hier eine Doppelchoreografie als zwei ineinandergreifende lineare Fragmente aufgeführt, die im Hören/Lesen/Betrachten selbst je subjektiv miteinander verknüpft werden können. Audio-Spur und visuelle FormMaja Linke (2012/2016): von WIHR und IHR zum WIHR – verletzendes Sprechen und Kritik. Eine interrogative Untersuchung. Dissertation, Bauhaus-Universität Weimar, Weimar https://e-pub.uni-weimar.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/2718 zeigen beide eine unterschiedliche Auswahl an Fragen, die sich berühren, dabei lege ich den Schwerpunkt auf Fragen zur (Un)Möglichkeiten der Kritik und Verantwortung als Affekt. Diese können im besten Falle gedanklich weitergeführt werden mit ganz eigenen Kontexten und Fragen.

Diese Töne mischen und den Monolog unterbrechen, der eine Antwort an die nächste reiht, zu einer Kette, die uns hält, im doppelten Sinne des Wortes. Dem Halten mit einer Haltung begegnen und der Antwort mit Verantwortung. An privilegierten Orten von Kunst/Wissenschaft die Blicke erheben, um diese Orte zu öffentlichen, zu öffnenden, zu hoffenden Räumen, Möglichkeitsräumen zu machen. Räume der Allianzen, die ihre Adresse verschweigen und dennoch bewohnbar sind. Das Fragezeichen so weiterzeichnen, dass es von Ferne einer liegenden Acht zu gleichen meint. Schon im Wahrnehmen eigensinnig sein als „aisthetische Unfügsamkeit“. Die Frage lässt sich nicht nieder, sie wohnt zwischen Schwerelosigkeit und Erdanziehung, zwischen Ich und Du und dir und mir. Hinterfragende Reflexion, vorfragende Spekulation, materielle Fragepraxis in Bild und Text und Ton und Körper. Die Frage fügt sich nicht der Antwort. Sie geht ihr voraus und ihr nach, sie ist immer-schon da, sie ist Hase und Igel, hier und dort. In der Frage vollzieht sich eine Wendung an den und das Andere, ein Sich-Öffnen für sie, ein In-Schwingung-Geraten, In-Verbindung-Setzen, selbstgewollte Geiselhaft. Nicht zwei Seiten einer Medaille als Frage und Antwort, denn auch diese Scheibe ist eine Kugel.Fragmente des Eingangstext bereits veröffentlicht unter Maja Linke (2019): „? Aisthetische Unfügsamkeit und eine materielle Praxis des Fragens“ in: Drews, K./ Hubrich, A.-K. et al. (Hrsg.), Geisteswissenschaften [frage-zeichen], Berlin: Frank&Timme.

943 Fragen zur sprachlichen Gewalt, Audio: 32:20 min; Video: 2:36 min, Monotypien, Öl auf Papier, je 29,7 x 21 cm

Kurzbiografien der Autor_innen: