Drei Fragen an... Büro trafo.K
Abstract:
Fragestellen und Infragestellen durch Kunstvermittlung – was kann das? In diesen Antworten auf drei Fragen gehen Büro trafo.K dem Fragen nach. Sie zeigen Strategien, Grenzen und exemplarische Fragen auf, lassen Fragen offen und geben Einblick in ihre Praxis des fragenden Vermittelns.

Welche Fragen in der Vermittlung, welche in der Forschung beschäftigen Euch gerade?

Die Methode des Fragenstellens selbst, die Frage nach dem Stellen von guten Fragen, beschäftigt uns in unserer vermittlerischen Arbeit fast mehr, als es einzelne Fragen tun. Je nach Kontext, in dem wir arbeiten, stellen wir ganz unterschiedliche Fragen. Wir stellen sie, weil wir Dinge erfahren wollen, und zwar im Sinne einer gemeinschaftlichen Wissensproduktion, deren Ergebnisse nicht vorhersehbar sind. Fragen sind Einladungen zum Mitdenken, Mitsprechen, Teilhaben – ihnen wohnt eine Offenheit inne, die in ganz unerwartete Richtungen münden kann.

Im Sinne unseres Verständnisses von emanzipatorischer Bildung bedeutet das keineswegs, dass jede Antwort so gut ist wie jede andere. In präzise gestellten Fragen stecken Forderungen, stecken politische Selbstverständnisse, steckt eine Reflexion über die eigene Position. Wir versuchen daher, immer gemeinsam mit all jenen, mit denen wir zusammenarbeiten, die Rahmenbedingungen auszuverhandeln, in denen wir zusammenkommen und innerhalb derer wir überhaupt erst miteinander sprechen und einander befragen.

Eine Frage, die uns deshalb seit jeher begleitet, lautet: Was heisst alle? Eine andere: Ist das so? Und eine dritte Frage, die im Zentrum unserer Arbeit steht, heisst: Und was hat das mit mir zu tun? Alle drei zielen darauf ab, das Selbstverständliche zu destabilisieren, das sogenannte Normale auszuhebeln und kritisch zu hinterfragen, unter welchen Bedingungen wir miteinander in Beziehung treten.

Unser Verständnis von Partizipation meint nicht, lediglich zum Mitspielen einzuladen, sondern um die Spielregeln selbst zu spielen. Mit einem ähnlichen Fokus aufgeladen sehen wir unsere Fragepraxis: Unser Ziel ist nicht, zu absehbaren Antworten (ganz zu schweigen von „richtigen“ Antworten) zu gelangen, sondern Fragen als Türen zu Wissensräumen zu verstehen: zu Wissensräumen, in denen Gedanken, Praxen und Selbstverständnisse gepflegt werden, die konträr zu vielem stehen, was in der Mehrheitsgesellschaft als anerkannt gilt. Fragen zielen für uns auf die Infragestellung von Ungerechtigkeiten, Unfreiheiten und Ungleichheiten ab – und damit verbunden auf die Veränderung sozialer Verhältnisse. Sie vermögen, situiertes Wissen, das sich radikal von unserem eigenen unterscheidet, als bestehendes Wissen zu stärken und zu manifestieren.

Und gleichzeitig geht es für uns nicht bloss um Fragen, die einfach offen bleiben. Vielmehr sind es Fragen, die wir verfolgen, die uns vielleicht mehr vorantreiben, als wir sie immer schon lösen können, die uns aber dennoch gerade deshalb etwas abverlangen: Weil wir ihnen antworten wollen – nicht abschliessend natürlich, sondern in Erwartung, dass die Antwort auf eine Gegenfrage oder eine weitere Frage stossen könnte, oder aber auch auf einen Moment der gemeinsamen Freude daran, etwas anders sehen und anders sagen zu können. So geht es manchmal vielleicht doch um die Verantwortung für eine Antwort, sei sie auch nur vorübergehend und in Erwartung auf eine Reaktion. In einem solchen Prozess, in dem Fragen gemeinsam nachgegangen wird, entsteht Material, entstehen Sammlungen von Quellen, Dokumenten, künstlerischen Strategien, Gedanken, weitere Fragen und vorübergehende Antworten, von denen wir selbst sehr viel gelernt haben und lernen.

Wie geht Ihr Fragen nach, habt Ihr eine bestimmte Strategie?

Fragen zu stellen ist für uns eng verknüpft mit dem ständigen Wunsch, kritisch über Sprechpositionen und Einladungspolitiken nachzudenken: Wer wird durch eine bestimmte Frage eingeladen, sich zu äussern? Wessen Wissen wird durch eine spezifische Frage angesprochen, aufgerufen, wertgeschätzt? Welche Selbstverständlichkeiten setzt eine gewisse Frage als gegeben voraus?

Klare und deutliche Fragen zu formulieren, die sich bewusst sind, wie sie sich in Sprechverhältnissen verorten, und die gleichzeitig einen offenen Ausgang in der Antwort zulassen, ist eine der zentralen Strategien unserer vermittlerischen Arbeit. An der Schnittstelle von Vermittlung und künstlerischen Strategien, an der wir arbeiten, sehen wir Fragen nicht vorrangig als Werkzeuge, um bereits bestehende Antworten hervorzulocken. Oft geht es uns weniger darum, dass eine Frage direkt beantwortet wird, als darum, dass eine solche Frage einen Anlass zur Auseinandersetzung darstellt und auf eine neue Weise weitergespielt wird – dass sie aufgenommen, verändert und weitergereicht wird. Fragen also, die zu Instrumenten werden können, Prozesse immer wieder aufs Neue anzustossen.

Die Bandbreite an Fragen, um die es hierbei gehen kann, ist gross: Manchmal arbeiten wir uns an vorgefundenen Fragen ab, manchmal sehen wir Fragen als Methode, um von einem uns bekannten Ort an einen ganz anderen zu kommen. Es gibt Fragen, die keine Antworten brauchen, weil in ihnen selbst bereits etwas Aufregendes angestossen wird. Und es gibt natürlich auch unzulässige Fragen, die nicht beantwortet gehören, sondern gegen die Einspruch erhoben werden muss, die von der Perspektive ihrer Artikulation aus verhandelt werden müssen.

Was können Fragen, was Antworten nicht können?

Eine der Fragen, die uns – wie oben erwähnt – am meisten beschäftigt, ist: Was heisst alle? Wir stellen sie uns zu Beginn jedes Projekts, das wir initiieren. Wir haben zum einen den politischen Anspruch, für alle und mehr noch mit allen zu arbeiten, doch wissen wir zum anderen ganz genau, dass immer und notwendigerweise Ausschlüsse passieren. Sich die Frage Was heisst alle? zu stellen (man könnte sagen: sich dieser Frage zu stellen), bedeutet, eine ständige Reflexion über die Politik der eigenen Setzungen zu unternehmen. Anstatt zu versuchen, eine eindeutige Antwort zu finden, lassen wir uns von dieser Frage begleiten: als Werkzeug, das uns analysieren hilft, wer wann wo und für wen genau spricht, und worüber.

Mehr noch ist diese Frage aber auch dazu da, uns immer wieder mit unserem Anspruch zu konfrontieren, sehr wohl ein alle herzustellen und bei diesem Anspruch nicht locker zu lassen. Während die Antwort auf die Frage Was heisst alle? in jedem neuen Kontext sehr unterschiedlich ausfallen wird, behält die Frage ein visionäres Potenzial. Indem sie die Verhältnisse des eigenen Handelns radikal befragt, hält sie einen Anspruch wach, der in jeder noch so spezifischen Antwort verwaschen oder unschärfer gemacht werden würde.

Gleichzeitig wollen wir auch festhalten, dass manche Antworten einiges können, was Fragen wiederum nicht vermögen. Es ist uns wichtig, nicht alles als Frage zur Disposition zu stellen. Nicht alles ist verhandelbar, nicht alles muss demnach erfragt werden. Manche Positionierungen wollen wir aktiv einnehmen – gerne können sie dann diskutiert und kritisiert werden, aber eben als Positionen, nicht als offene Fragen.

Transformative Wissensproduktion in der kritischen Kunstvermittlung heisst für uns also, im Blick zu haben, was die Rahmenbedingungen gemeinschaftlichen Handelns und Sprechens sind, die wir auszuhebeln, zu verhandeln und zu verändern suchen. Gute Fragen zu stellen ist darin ebenso zentral wie das Wissen darum, wann eine klar positionierte und situierte Antwort vielleicht das stärkere Werkzeug ist, um in eine vielstimmige Verhandlung zu treten.

Kurzbiografien der Autor_innen: