Verstehen Sie Spass?
Abstract:
Verstehen Sie Spass? war der Titel eines einwöchigen Unterrichtsformats für Masterstudierende angehender Lehrpersonen für das Fach Bildnerisches Gestalten auf Stufe Sek II. Im Fokus stand die Performativität von Kunstwerken, die grösstenteils anhand performativer Strategien erfahren, erlebt und diskutiert wurde. Anhand des dreiteiligen Unterrichtsschemas, gestalten, aufführen und reflektieren wird das Unterrichtsformat erläutert, seine Rahmenbedingungen und Eigenschaften analysiert und mögliche Transfers in den schulischen und ausserschulischen Unterricht skizziert.

Analyse eines Vermittlungsformats von Performancekunst

Die vier Fachhochschulen HSLU, FHNW, HKB und ZHdK veranstalten für die Masterstudierenden angehender Lehrpersonen für das Fach Bildnerisches Gestalten auf Stufe Sek II alternierend die so genannte Netzwerkwoche. Studierende aller vier Fachhochschulen finden sich für eine Woche zusammen, um sich über Fragen zur künstlerischen Praxis, Kunstvermittlung und -pädagogik auszutauschen, um zu forschen und zu netzwerken. Im Februar 2023 fand die Netzwerkwoche in Emmenbrücke an der HSLU –Design & Kunst statt. Im Fokus stand die Performativität von Kunstwerken, die grösstenteils anhand performativer Strategien erfahren, erlebt und diskutiert wurde. Gemeinsam mit der Majorleitung Art Teaching Simon Kindle, der Dozentin Lena Eriksson und der Künstlerin Antonia Röllin, organisierte ich diese Woche unter dem Titel Verstehen Sie Spass?.

Ausgangslage

Die Netzwerkwoche war von der gleichnamigen Unterhaltungssendung Verstehen Sie Spass? inspiriert, die seit den Achtzigerjahren produziert wird. Ihr dreiteiliges Grundschema hat sich seither kaum verändert:

  1. Ein Team denkt sich eine Art Streich aus.
  2. Zufällige Passant:innen oder ausgewählte Prominente werden dem Streich ausgesetzt und mit versteckter Kamera dabei gefilmt.
  3. Die Reingelegten werden aufgeklärt und befragt, wie sie die Situation erlebt haben. 

Bereits in früheren Lernsettings entwickelte ich Unterrichtseinheiten anhand dieses dreiteiligen Schemas, in dem ein Ereignis gestaltet, realisiert und reflektiert wird. Dieses Schema folgt laut Ulrike Winkelmann einem dramaturgischen Prinzip, aus einzelnen, zeitlich gerahmten Sequenzen. Vergleichbar zu der hier vorgestellten Rahmung von Verstehen Sie Spass?, wird Winkelmann zu folge auf den Aktivitätsebenen Entwicklung, Präsentation und Reflexion agiert (Winkelmann 2020: 10).

Bei der Aktivitätsebene der Präsentation geht es aus meiner Sicht um Präsenz, im Sinne von Gegenwärtigkeit. Um eine Arbeit zu zeigen, „bedarf es eines Textes, was jedoch nicht nur das gesprochene oder geschriebene Wort bedeuten muss, sondern auch eine Improvisation, eine Bewegung, ein Bild oder ein Rhythmus sein kann. Es gibt verschiedene Zeichen- und Symbolsysteme, die eine Aussage transportieren.“ (ebd.: 10) Um das Präsente, die Unmittelbarkeit und die zeitliche Eingrenzung einer Präsentation zu betonen, verwende ich an Stelle von Präsentation den Begriff der Aufführung. In der Netzwerkwoche veranstalteten wir mit Come and Show einen Aufführungstag und es konnten verschiedene Formen ausprobiert werden, um Arbeiten zu zeigen. Lange zufolge, „lenkte [der] performative turn [...] die Aufmerksamkeit von Kunst und Wissenschaft auf den Aufführungs-, Darstellungs- und Inszenierungsaspekt des Kulturellen.“ (Lange 2013: 29) So liegt es nahe, bei Aufführungen an Performativität zu denken, die ich als zentralen Bestandteil in der künstlerischen Bildung auffasse.

Diese schriftliche Analyse der Netzwerkwoche ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil Gestalten beschreibe ich den Ablauf und das Konzept der Netzwerkwoche und kläre den Begriff der Performativität, auf den ich mich beziehe, sowie seine Bedeutung für den Unterricht. Im zweiten Teil Realisieren analysiere ich retrospektiv anhand von Erinnerungen, Protokollen, Studierendenstimmen und Fachliteratur den Aufführungstag Come and Show. Im dritten Teil Reflektieren werden die von den Studierenden skizzierten Überlegungen für den Transfer in den schulischen und ausserschulischen Unterricht aufgegriffen.

1. Gestalten

Die Netzwerkwoche 

Während der ersten drei Tagen wurde in kleineren Gruppen künstlerische Strategien erprobt und von den Studierenden künstlerische Arbeiten entwickelt. Zudem wurde eine Einführung in die Geschichte der Performance vermittelt (Chantal Küng & Sabine Gebhardt Fink). Die Gruppen wurden von uns, dem Organisationsteam, sowie den Künstler:innen Ursula Bachman und Ivan Röösli begleitet. Jede Gruppe verfolgte andere Arbeitsweisen, die in enger Verbindung zu der künstlerischen Praxis der Begleitenden stand.

Der vierte Tag – die Aufführung – stellte mit dem Präsentationsformat Come and Show den fulminanten Höhepunkt der Woche dar. Come and Show war stark an eine Art Performancestafette namens LEGS angelehnt (vgl. Rust 2016). Alle Studierenden brachten in einem Zeitfenster von vier Minuten eine künstlerische Arbeit zur Aufführung. Bei Kollektiven wurden die Zeitfenster addiert: ein Kollektiv von vier Studierenden hatte dementsprechend 16 Minuten zur Verfügung. Für den fliessenden Ablauf gab es einen verbindlichen Zeitplan und wie bei LEGS waren die Studierenden für den Aufbau grösstenteils selbst verantwortlich. Aufführungen wurden bei Überlänge nicht unterbrochen, jedoch immer pünktlich begonnen (vgl. ebd.). Vom Startschuss an wurde vom Organisationsteam nicht mehr interveniert und die Durchführung lag in der Verantwortung aller. Come and Show dauerte insgesamt vier Stunden, es gab keine Pausen und es lag an allen Einzelnen zu entscheiden, Aufführungen mitzuverfolgen oder nicht.

Die Reflexion fand am fünften Tag statt. In Gruppen wurden auf sinnlicher Ebene mit Zeichnungen, Bewegungen, Modellen oder Plastilin Skulpturen die Ereignisse der Woche und insbesondere des Vortags in Erinnerung gerufen und reflektiert. Die Beiträge und künstlerischen Strategien der einzelnen Aufführungen von Come and Show wurden benannt und mögliche Anwendungen in schulischen und ausserschulischen Kontexten skizziert. Und zuletzt wurden alle mit Applaus verabschiedet!

Performativität im Unterricht

In den Kulturwissenschaften hat der Begriff Performativität, so Nora Landkammer, seit den 1990er-Jahren Hochkonjunktur (vgl. Landkammer 2011: 4) Und auch Butler zufolge seien wir durch den Aufschwung, den die Performance Studies in jüngerer Zeit Jahren erfahren, damit konfrontiert, darüber nachzudenken, was wir unter Performance resp. Performanz verstehen und an welchen Orten wir ihr begegnen (vgl. Butler 2019: 14). Performance kann grob als Aufführung und Performativität als Realitätsbildung übersetzt werden. Für die Kunst heisst das, dass Werke nicht nur repräsentieren, sondern durch ihre Aufführung eine eigene Realität hervorbringen. Dabei wird unterstellt, dass ein Kunstwerk eine eigene Handlungsmacht und Wirksamkeit auszuüben scheine (vgl. ebd.: 18).

Die Performativität – das Potential eine Realität hervorzubringen – von Kunstwerken zu thematisieren, ist für die Bedeutung von Kunst und den Kunstunterricht insofern zentral, als dass sonst ihre Wirksamkeit nicht zur Sprache käme. Dafür bedürfen sie einer Aufführungsgelegenheit, wie beispielsweise einer Ausstellung, eines Konzertes oder einer Gesprächsrunde. In einem von Butler übertragenen Sinne benötigt Performativität ein strukturiertes Feld der Hörbarkeit – einen Raum und eine Zeit – in der ihre Erscheinung für jene, die sie vernehmen, Bedeutung und Gewicht haben, um überhaupt wirken zu können (vgl. Butler: 26). Künstlerische Handlungen, die gehört werden, finden nicht in einem isolierten Raum statt, sondern schreiben sich in ein responsives Gefüge ein. 

In der Netzwerkwoche versuchten wir die Aufführung und damit den Handlungsraum von Arbeiten in den Fokus zu rücken. Das ermöglichte sowohl den Kunstwerken als auch den Studierenden Wirksamkeitsraum. Und zwar in zwei Richtungen: Einerseits fanden die Arbeiten der Studierenden Gehör und sie konnten von den Arbeiten anderer Studierenden erreicht oder sogar affiziert werden. Studierende und ihre Arbeiten sind so in einen von allen Beteiligten zugänglichen Kontext gesetzt. 

2. Aufführen

Analyse von Come and Show 

Mit Come and Show haben wir uns eines Präsentationsformats aus der Performancekunst bedient. Die Rahmenbedingungen und Eigenschaften beschränken sich keinesfalls auf Performancekunst und können auf Aufführungen anderer Kunstformen adaptiert werden.

Come and Show steckt eine zeitliche und räumliche Rahmung ab. Es wurde ein Zeit- und Raumplan erstellt und allen Beteiligten kommuniziert. Von Seiten der Studierenden hiess es, dass sich das nicht einschränkend anfühlte. Winkelmann zufolge obliegt die Gestaltung der „Reihenfolge und [...] Dauer einzelner Sequenzen [...] einer zuvor von der Lehrperson festgelegten Dramaturgie [...].“ (Winkelmann 2020: 10) Während der Netzwerkwoche trafen sich mehr als 50 Studierende, die sich und die Räumlichkeiten zum Teil nicht kannten. Sie konnten sich aufeinander einlassen und sich auf die eigene Aufführung konzentrieren, ohne von Organisatorischem abgelenkt zu sein. 

Come and Show ist selbsttragend und hinterfragt Rollen. Der Score von LEGS: „No performance will be stopped but artists will begin at their scheduled time“ wurde wörtlich übernommen (Rust 2016). Alle übernahmen Verantwortung für die eigene Aufführung und für den gesamten Ablauf.  Wegen des Zeitplans mussten die Organisator:innen vom Startpunkt an nicht mehr intervenieren. Das verlangte einen konsequenten Umgang mit Ungereimtheiten, wie plötzlich auftretenden Pausen, Überlängen, oder Unsicherheiten über den Ort der nächsten Aufführung. Studierenden zufolge hätten sich, durch die daraus entstandene kollektive Verantwortung, Hierarchien aufgelöst. „Im gemeinsamen Gestalten“, so Anne Hartmann, „steht der eigene Lernprozess im unmittelbaren Zusammenhang mit der ganzen Gruppe. Jede:r Einzelne trägt Verantwortung für den gemeinsamen Lernprozess.“ (Hartmann 2018: 3f) Die, durch das Einnehmen einer Rolle hervorgebrachte, emotionale Identifikation brachte die Lernenden schneller in Lernverantwortung (vgl. Winkelmann 2020: 9). Ihre Bereitschaft und ihr Engagement zeugten von hoher Motivation und Eigenverantwortung. Die nur dreitätige Phase des Gestaltens erforderte ein gewisses Mass an Improvisation. „Durch die Improvisation [...] wird erreicht, dass die Lernenden in Beziehung zueinander treten, sich austauschen, ausdrücken, präsentieren und das Ausgedrückte interpretieren. Sie verlassen dabei immer wieder ihre eigenen Rollen, um das eingeschränkte Rollenrepertoire zu erweitern, Rollenunsicherheiten zu verlieren, Rollendistanz einzunehmen und übernommene Rollennormen in Frage zu stellen. Daraus resultiert ein Bewusstsein von Eigen- und Fremdwahrnehmung und eine Zunahme von Dialogfähigkeit.“ (edb.: 7)

Come and Show schafft Verbindlichkeit und Intimität. Wir erlebten eine vertrauensvolle Stimmung, eine hohe Aufmerksamkeit und gegenseitigen Respekt. Marie-Luise Lange schreibt über ihren Performanceunterricht: „Nachdem wir uns während des Kurses sehr gut kennengelernt haben, entsteht in der Regel ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Das liegt daran, dass die Gruppenmitglieder einen Einblick in die performativen Haltungen und Interessen des jeweils anderen gewonnen haben. Indem sie viel von sich selbst preisgaben und Kunstwerke konzipierten, die vielleicht auffallend oder noch ziemlich unvollkommen waren, entwickelten die Teilnehmer ein Gefühl der Vertrautheit.“ (Lange 2014: 178) Ähnlich entstand bei Come and Show ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit und eine Atmosphäre, in der geteilt und sich mitgeteilt wurde. Sich zu exponieren erfordert Mut und trägt zu einer gemeinschaftlichen Atmosphäre bei. Eine solche Atmosphäre bedingt das Exponieren und umgekehrt. Das beschränkt sich keineswegs auf Performancekunst, denn auch in einer Ausstellung oder einer Filmvorführung geben sich Studierende preis.

Come and Show ist riskant. Als riskant wurde bezeichnet, dass in der kurzen Phase des Gestaltens auch nur wenig Gehaltvolles hätte entstehen können. Dies stünde, so eine Studierende, in Abhängigkeit zu den Erwartungen an das Format und an sich selbst. Vom Organisationsteam wurde erwartet, dass alle etwas zur Aufführung bringen und, in der anschliessenden Sequenz der Reflexion, auf die Qualitäten und Potentiale des Gezeigten reagieren. Es ging nicht um die Erarbeitung eines qualitativ möglichst hochstehenden Beitrags. Doch durch die öffentliche Aufführung wurden diese auf die Probe gestellt, wodurch gewisser Druck, einen „guten“ Beitrag beizusteuern, entstand. Scheitern ist für den Lernprozess und für die Weiterentwicklung einer künstlerischen Arbeit unumgänglich, wie beinahe phrasenhaft diskutiert wird. Ergebnisse vor Publikum zu präsentieren, erfordert „den stetigen Mut, sich zu zeigen, sowie das wachsende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, diese ernst zu nehmen und selbstbewusst zu präsentieren. Das Verständnis für dramatische Ausdrucksformen wächst umso mehr, je häufiger szenische Elemente im Unterricht eingesetzt werden.“ (Winkelmann 2020: 10) Durch die Aufführungen werden nicht nur Präsentationskompetenzen erlernt. Denn die Aufführung erst ermöglicht es, künstlerische Arbeiten zu besprechen und nur so werden Scheitern, Gelingen etc. zu wirklich lehrreichen Momenten.

Come and Show schafft Raum für Experimente. Experimentieren heisst etwas probieren, testen, Versuche anstellen. Diese Vorgänge werden oftmals missverstanden als eine Art Freipass, ohne Konsequenzen „einfach mal zu machen“. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall und Konsequenzen stehen im Zentrum eines Experiments. „Für die Entwicklung von Ideen, Projekten oder Produkten werden Entscheidungen aufgrund von Experimenten getroffen.“ (Fellmann 2022: 2) Bei einem Experiment handelt es sich „um eine methodisch strenge und messbare Untersuchung mit definierten Einflussfaktoren. [...] Unabhängig davon, mit welchen Methoden Experimente durchgeführt werden, ist ihnen die sorgfältige Auswertung der Ergebnisse gemein.“ (ebd.: 2) Das klingt erstmal streng, aufwändig und humorlos. So haftet dem Begriff Konsequenz etwas Disziplinarisches an: Du wirst die Konsequenzen tragen! Konsequenzen bedeuten jedoch nichts anderes, als dass Handlungen Auswirkungen mit sich bringen. Diese können sich in Form von Zufriedenheit, Glück, Überzeugung oder als Enttäuschung, Unsicherheit, oder Scham zeigen. Mögliche Umgänge damit – also die Konsequenzen, die gezogen werden – können ebenso lustvoll wie analytisch sein: eine geglückte Aufführung wiederholen, den Schnitt eines Kurzfilms überarbeiten, die Lautstärke einer Soundinstallation anpassen, eine Malerei schwungvoll in den Müll werfen oder eine Arbeit einfach stehen lassen. Raum für Experimente schaffen heisst, bewusst Raum zur Reflexion und möglicher Überarbeitung schaffen.

3. Reflektieren

Mögliche Anwendungen im schulischen ausserschulischen Kontext 

In Unterrichtsituationen sollten Momente der Aufführung eingeplant werden. Neben Formaten aus der Performancekunst wie Come and Show können weitere Formate wie u.a. Ausstellungen, in situ Installationen, Filmvorführungen, Lesungen, Kataloge, integriert werden. Ein Unterrichtsprojekt endet dadurch nicht bereits nach der Phase des Gestaltens. In der Aufführung wird Kunst als etwas Relationales erfahrbar, das im Teilen und im Dialog erst hervorgebracht wird. Sich dabei zu exponieren, gehört zum Wesen der Kunst. Im Unterricht lernen sich Schüler:innen so über ihre Arbeiten gegenseitig kennen. 

Durch die zeitliche und räumliche Rahmung der Netzwerkwoche sind die Arbeitsbedingungen klar. Künstlerische Arbeiten sollten hinsichtlich ihrer Aufführung in eine entsprechende (Zwischen-)Form gebracht werden. Handelt es sich bei der Aufführung um einen Katalog, dann werden Fotos, Texte, gescannte Skizzen etc. benötigt. Schüler:innen erarbeiten hinsichtlich des Aufführungskontextes eine passende Präsentationsform. Künstlerische Arbeiten werden so in Zusammenhang mit anderen Arbeiten und in ein spezifisches Format gedacht. Formate können im Unterricht variieren, sollten jedoch deutlich kommuniziert werden. Somit können sich Arbeiten einem Format nicht nur anpassen, sondern seine Rahmungen auch ausloten.

Massvolle Verantwortung und Verbindlichkeiten schaffen, erfordert Formate, die ohne aktive Beteiligung nicht getragen werden können. Bei Come and Show wird durch die fehlende Beteiligung Einzelner der Fluss der Veranstaltung zwar durchbrochen, fällt aber nicht komplett auseinander. In Bezug auf den schulischen Kontext wurden von den Studierenden Bedenken geäussert: Schüler:innen würden sich zu wenig beteiligen, sich respektlos begegnen oder aber stiesse ein solches Unterrichtsformat in einer Schule auf internen Widerstand. Als Mikroaktivismus bezeichnete eine Studentin die Handlung, ungewohnten Unterricht im Kleinen und innerhalb gegebener Rahmenbedingungen zu proben. Zwischenergebnisse könnten in einer Doppellektion präsentiert und die Übernahme von Verantwortung schrittweise trainiert werden.

Erst die Phase des Reflektierens ermöglicht einen Lernprozess. Bei einem Format wie Come and Show, aber auch z.B. bei einer Ausstellung bietet sich ein Reflexionsprozess in Form eines Gesprächs im Plenum oder eines Textes an. In der Netzwerkwoche empfanden die Studierenden wenig Druck, was unter anderem daran gelegen habe, dass keine Noten gemacht wurden. Eine Arbeit durfte auch misslingen. Eine Aussage, die ohne weitere Ausformulierung hohl bleibt und auf viele Unterrichtssituationen nicht zutrifft. Denn mit der Vergabe einer Note enden viele Unterrichtsprojekte. Dabei liegt in Beurteilungen wie Scheitern, Gelingen oder Mittelmässigkeit die Chance der Überarbeitung. Überzeugende oder unbefriedigende Aspekte müssen, wie zum Begriff des Experiments ausgeführt, benannt und weiterverarbeitet werden. Die Weiterverarbeitung kann beispielsweise als Folgeauftrag und durchaus spielerisch stattfinden: „Verschlechtere deine Arbeit!“ Nur über den Moment der Aufführung, in der zwischenzeitlich eine fixierte Form gefunden wird, kann eine bewusst prozessbasierte Arbeitsweise eingeübt werden.

Literatur

Bolt, Barbara (2016): Artistic Research: A Performative Paradigm?. Parse Journal 2016, (No 3). 

Fellmann, Clemens (2022): propose, do, zeig, zackzack!. In: Wir arbeiten dran #2, S. 2.

Fischer-Lichte, Erika (2010): Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Hartmann, Anne (2018): Devising Performance. In: Hilliger, Dorothea (Hg), Begriffsliste Performative Künste. Fassung 3, Braunschweig, Institut für Performative Künste und Bildung der HBK Braunschweig, S. 1-7. (http://performative-kuenste.de/wp-content/uploads/Devising-Performance.pdf) [22.03.2023]

Erni, Danja/Landkammer, Nora/Schürch, Anna/Settele, Bernadett (2011): Materialien zum Selbststudium. In: Settele, Bernadett/Mörsch (Hg.), Carmen, Queer und DIY im Kunsttunterricht. Art Education Research, 3/2011. https://sfkp.ch/resources/files/2017/10/Danja-ErniNora-LandkammerAnna-SchürchBernadett-Settele-Texte_n°3.pdf [28.03.2023]

Lange, Maire-Luise (2014): Performance Action as an Emancipatory Metaphor for General Artistic Life Processes and Social Processes. In: Auslander, Philip/Dertnig, Carola (Hg.), Performing the Sentence: Research and Teaching in Performative Fine Arts. Berlin, Sternberg Press, S. 174-183.

Lange, Marie-Luise (2013): I’m here – ästhetische Bildung als Präsenz, Ereignis, Kommunikation, Aufmerksamkeit und Teilhabe. Kunstpädagogische Positionen 28. Hamburg, REPRO LÜDKE Kopie + Druck .

Peters, Maria/Inthoff, Christina (2017). Kompetenzorientierung in der Kunstpädagogik: Vielfalt als Chance. In: Maset, Pierangelo/Hallmann, Kerstin (Hg.), Formate der Kunstvermittlung: Kompetenz - Performanz - Resonanz. Bielefeld, transcript Verlag.

Rust, Dorothea (2016): Legs, Score. https://dorothearust.ch/de/arbeiten/2016/legs-z%C3%BCrich/legs-score/ [28.02.2023]

Winkelmann, Ulrike (2020): Lernen ist Performance! Zur Bedeutung der Performativen Didaktik für eine zeitgemäße Lernkultur. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE. https://www.kubi-online.de/artikel/lernen-performance-zur-bedeutung-performativen-didaktik-zeitgemaesse-lernkultur [22.03.2023]

 

 

Dieser Text steht unter der CC-BY-NC-ND 4.0 Lizenz

DOI: 10.5281/zenodo.8224629

 

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