Zukunft: Anregungen für die Forschung in Art Education

Foto: Anna Schürch und Bernadett Settele

 

Editorial 

Die Ausgabe Zukunft widmen wir der Auseinandersetzung mit neuen kritischen Referenzen und ihrer Übersetzung auf die Kunstpädagogik. Die Beiträge handeln zum einen von der kunstpädagogischen Auseinandersetzung mit Fragen der Zukunft und der Nachhaltigkeit, zum anderen aber auch von möglichen Zukünften der Art Education selbst als forschende Disziplin.

Wie nimmt unsere Forschung Referenzen aus anderen Disziplinen auf und wie arbeitet sie mit ihnen im Feld der Kunstpädagogik? Was tragen neue Konzepte und Perspektiven dazu bei, kunstpädagogische Fragestellungen weiterzuentwickeln? Wozu genau regen sie uns an, und in welcher Form können wir über diese möglichen Zukünfte verhandeln?

Sieben Beiträge setzen an Themen der Kunstpädagogik an. Ihre – oft kollektiv erarbeiteten – Argumentationen verbinden das Fachliche mit Anregungen von ausserhalb: mit neuen Fragen, Konzepten und Perspektiven. Diese Ansätze verändern und verschieben das, was wir als fachlich verstehen. Und möglicherweise spricht etwas aus der Art Education in die anderen Forschungsbereiche zurück, aus denen die Anregungen kommen, sodass sich auch deren Denkweise verändert. In diesem Sinne fassen wir den Begriff Zukunft auf: als das, was sich einstellt, während wir es am Bestehenden weiterarbeitend, mit einem Ziel im Auge, mit unscharfem Okular und ungewissem Ausgang versuchen zu gestalten.


Die Realisierung dieser e Journal-Ausgabe hängt mit der Neuausrichtung der Forschung Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK zusammen. Ein interdisziplinär aufgestelltes Team von Forschenden findet seit 2019 zusammen und erarbeitet seither vier Forschungsrichtungen in einem engen Bezug zur Lehre. Zukunft dokumentiert die Auseinandersetzung mit den vier Themenfeldern Kunstpädagogisches Wissen, Nachhaltigkeit in Praxisfeldern der Art Education, Künstlerische Lehre und Relationales fachdidaktisches Handeln. Durch diese Konstellierung, in der die Forschungsrichtungen in Kontakt miteinander und mit verschiedenen Assoziierten stehen, ist eine Diskussionskultur entstanden, die auch für Forschende anderer Bereiche von Interesse sein kann.


Kooperation: Gemeinsame Erarbeitung

Diejenigen, die für diese Ausgabe schreiben und diejenigen, die sie herausgeben, sind an derselben Hochschule beschäftigt. Wir haben unsere Arbeitszusammenhänge dafür genutzt, unsere Beiträge gemeinsam zu entwickeln und sie aneinander zu schärfen. Der redaktionelle Prozess erfolgte von Peer zu Peer. Beim Erstellen der e Journal-Ausgabe intensivierte sich das gemeinsame Arbeiten, und manches Mal fanden sich neue Gegenüber. Das Ergebnis mit seinen inhaltlichen Überschneidungen ist Ausdruck der dabei gefundenen Arbeitsformen. Vom Entwickeln und Verfassen der einzelnen Beiträge bis hin zum gegenseitigen Lesen und Rückmelden war der Prozess geprägt vom Austausch unterschiedlicher disziplinärer Herkünfte. Dabei wurden gemeinsame Interessen der verschiedenen Forschungsrichtungen ersichtlich und bei aller Eigenständigkeit der einzelnen Texte konkretisierten sich gemeinsame Anliegen.


Die Themenfelder in Zukunft. Anregungen für die Forschung in Art Education

In der Zusammenschau der Texte lassen sich drei Themenfelder ausmachen, denen sich jeweils mehrere Texte zuordnen lassen. Wir stellen zunächst diese Felder dar und gehen im Anschluss gesondert auf die einzelnen Texte ein.


Zukunftsimaginationen / Zukünfte

Auffallend viele Texte interessieren sich für Themen der Entwicklung und der Veränderung. Damit geht es zum einen wortwörtlich um den titelgebenden Begriff Zukunft und um die Befragung des eigenen Verhältnisses zu möglichen Zukünften. Das Zukunftsdenken in den Beiträgen aber folgt nicht einer Fortschritts- oder Optimierungslogik, sondern ist eher reflexiver Art: Wir versuchen zu verstehen, mit welchen Konzepten und aus welchen Perspektiven Zukunft überhaupt zu verhandeln ist.

Manche Artikel fragen nach den Bedingungen und Modalitäten, aus denen heraus wir über die Zukunft des Fachs oder der Disziplin nachdenken (Krepart/Lüber/Sturm) oder beleuchten seinen Beitrag zu möglichen gesellschaftlichen Zukünften (Schürch/Vögele). Manche Artikel widmen sich dem Zusammenhang von Zukunft mit dem, was wir in der Gegenwart tun und reflektieren die Erfahrung der Gegenwart und ihre Praktiken. Wie wird Zukunft mit einer kritischen Auffassung des Gegenwärtigen verbunden (Schürch, mit Novak und Zanni), und welche Imagination von Zukunft entwickeln wir ausgehend von spezifischen Praktiken der Kunstvermittlung (Massmünster)? Andere Artikel beleuchten Themen, die mit Zukunft direkt in Beziehung gebracht werden können oder deren Bezug zum Zukünftigen unbestritten ist wie beim Begriff der Nachhaltigkeit (Krepart/Küng/Tonner; Massmünster) oder solche, die uns wenigstens, heute wichtig (geworden), in der Zukunft weiter beschäftigen werden: als neue Bedingungen der Lehre, wie Videokonferenzen und digitale Präsentationstools (Schmidt-Wetzel/Zachmann).


Bezug der Forschung zur Lehre in der Art Education

Ein weiteres verbindendes Moment zwischen den Texten dieser Ausgabe von Art Education Research besteht darin, dass wir Alternativen für die kunstpädagogische Lehre entwickeln und über unsere Perspektive auf die Lehre nachdenken. Forschung in der Kunstpädagogik ist situiert; worüber wir reflektieren, wollen wir für die Lehre produktiv machen. Unsere Forschung bezieht sich häufig auf Lehre – im Sinne eines Beispiels, in Hinblick auf die Erfahrungen und als Feld der Exploration von Praktiken. Damit ist die (Hochschul-)Lehre ein Anwendungsgebiet von Erkenntnissen und ein mögliches Feld von Theoriebildung und Reflexion (Krepart/Küng/Tonner; Schürch) oder von phänomenologischer Rekonstruktion (Schmidt-Wetzel/Zachmann). Das kann bis hin zur theoriegeleiteten Entwicklung hochschuldidaktischer Überlegungen aus kunstpädagogischer Lehre führen (Settele). Die Lehre wird in diesen Beiträgen genutzt, um Reflexionen anzustellen, um zu forschen und um voneinander und von Studierenden zu lernen und die eigenen Perspektiven in Frage zu stellen.


Arbeitskonstellationen und -formen

Als dritter thematischer Schwerpunkt kristallisiert sich schliesslich die Auseinandersetzung mit den Konstellationen und Formen des Arbeitens heraus. Dies ist auch aus dem Entstehungskontext dieser e Journal-Ausgabe begründet und hängt mit der bereits angesprochenen Neukonstellierung und Neuausrichtung der Art Education-Forschung an der ZHdK zusammen. Mehrmals wird das Verfassen eines Beitrags zum Anlass genommen, um sich den Formen der Zusammenarbeit zu widmen, die dazu nötig sind: gemeinsam schreiben, gemeinsam forschen und miteinander reflektieren. Wir stellen fest, dass dieses Nachdenken über die Konstellationen, in denen Forschung in der Art Education entwickelt wird, sich – über die Frage des (interdisziplinären) Zusammenarbeitens und seiner Bedingungen hinaus – auf Entwürfe künftiger Formen des kunstpädagogischen Forschens ausdehnt (Krepart/Lüber/Sturm; Schürch/Vögele). Dies hat auch Auswirkungen darauf, wie über die Bezogenheit von Studierenden und Lehrenden aufeinander als Ausgangspunkt der Theoriebildung reflektiert wird (Settele).


Die Texte in Zukunft. Anregungen für die Forschung in Art Education

In Eine Ontologie der Gegenwart nimmt Anna Schürch die gegenwartsdiagnostische Behauptung grosser Herausforderungen ‚in Zukunft’ unter die Lupe und schlägt ein Verfahren vor, das berufspraktische und bildungspolitische Entwicklungsvorhaben besser informiert. Schürch bezieht bildungsphilosophische Überlegungen in Anschluss an Michel Foucault als Referenz ein und beschreibt, wie die Veränderung kunstpädagogischen Wissens auf einer skeptischen Betrachtung dessen, worin dieses Wissen besteht, basieren könnte. Schürch bezieht sich damit auf die Problematik von Zukunftsprognosen in der Bildungspolitik, die das Fach mittels der Feststellung ‚zukünftiger Herausforderungen’ entwickeln, statt zu schauen, was sich im Alltag zeigt.

 

In Nachhaltige Zukünfte gestalten widmet sich Michel Massmünster der Kunstvermittlung, indem er Praktiken und Anliegen mehrerer u.a. in Basel tätiger Akteur*innen der Kunstvermittlung betrachtet. Der Artikel geht von der Anticipatory Anthropology aus, die als forschende und theoretische Perspektive eine selbstreflexive Positionierung des Forschers einfordert. Massmünster arbeitet Verständnisse der Kunstvermittlung heraus, die er anhand von Aspekten wie Zukunft(-sverständnis), Wissen(-spraktiken), Material und Person lokalisiert. Er verweist auf den explorativ-öffnenden Charakter von Zukunftspraktiken der Art Education und formuliert darauf aufbauend ein entsprechendes Nachhaltigkeitsverständnis, das auf antizipativen Praktiken und Imaginationen basiert. Dies grenzt er ab vom universellen Nachhaltigkeitsverständnis mit seinen planerischen Logiken, die mitunter auch festschreibend – schliessend – sein können.

 

Als Lehrende positionieren sich Janina Krepart, Chantal Küng und Judith Tonner angesichts aktueller Herausforderungen und initiieren einen kritischen Dialog über die Unterschiedlichkeiten in ihrem Verständnis von Ökologie und Nachhaltigkeit. Die drei Kolleginnen* stellen sich mit zwei Lehrveranstaltungen der Herausforderung der Klimakrise. Das Ziel von Krepart, Küng und Tonner ist, durch künstlerisch-edukative Praxen in der kulturellen Bildung Verantwortungsbewusstsein und ein Bewusstsein für ökologisch nachhaltiges Handeln zu befördern. Der Artikel (Un-)Learning Ecologies dient ihnen zur Befragung der beiden Lehrformate als experimentelle Plattformen – ihr Dreigespräch nimmt inhaltliche und konzeptuelle Fragen und Unklarheiten aus der Durchführung wieder auf.

 

Bernadett Settele widmet sich einer Problematik der Lehre und fragt, wie aus Pädagogik als einer durch Differenz geprägten Situation, in der u.a. ein Erfahrungsvorsprung und eine ungleiche Rollenverteilung wirken, emanzipierte Subjekte hervorgehen können. Settele spielt die reflexive Positionierung der Hochschullehre am Beispiel von Kunstpädagogik an einer eigenen Lehrveranstaltung, einer Übung zur Rezeption von Kunst im Museum, durch. Ausgesetztsein als Dozentin berichtet über ein performatives Aufweichen und Verhandeln von Rollen der Lehre und reflektiert dies aus subjekttheoretischer Perspektive. Settele formuliert dazu ein Modell zur Wahrnehmung passiver und entmächtigender Anteile des Lehrens und nimmt ausgehend von post-souveränen Subjektkonzepten der politischen Philosophie das Sichaussetzen und das Ausgesetztsein in den Blick.

 

Aus empirischer Perspektive gehen Miriam Schmidt-Wetzel und Laura Zachmann in Emergency Remote Art Education den Erzählungen dreier Studierender über ihre Vermittlungsangebote während des ersten Lockdowns nach. Die akute Notwendigkeit, auf videobasierte Kommunikation umzuschwenken, thematisiert der Beitrag unter Bezugnahme auf die Erfahrungen der Studierenden im ersten Praktikum. Als Einzelfallforschung im Sinne einer Phänomenologischen Analyse rekonstruieren die Autorinnen* Strukturmerkmale der Verständnisse der Studierenden von Vermittlung. Schmidt-Wetzel und Zachmann geben Einblick in die Untersuchung und deren Methode und problematisieren dabei auch das Forschen in Distanz und ohne direkte Begegnungen. Im Ausblick formulieren sie Vorschläge für die Weiterentwicklung digitaler Vermittlung in planvollen Vermittlungsszenarien.

 

Janina Krepart, Heinrich Lüber und Jules Sturm stellen in Forschen im Erproben eine probende gemeinsame Schreibpraxis vor. Sie widmen ihr Schreiben der gemeinsamen Bezugnahme auf die Bedingungen von Forschung und Lehre, die sie performativ wie auch argumentativ markieren. Durch die Bezugnahme auf Konzepte aus künstlerisch-edukativen Theorien – wie Irit Rogoff mit turning und becoming research – sowie auf einen früheren Vortrag und die Vorkommnisse darin kommt es im Beitrag zur Sichtbarmachung der Ausgangslagen und Ambivalenzen des Forschens und Schreibens. Krepart, Lüber und Sturm nehmen Bezug auf das Proben, auf Krise, auf fail-ability und die Sorge füreinander und widersprechen dabei Konzepten, die künstlerisch-forschendes Tun als Lösung oder geradlinig verlaufende Erkenntnisbahn ansehen. Der Beitrag handelt vom Forschen als einem zeit-einräumen Verfahren, das sich auch auf die künstlerische Lehre auswirken soll.

 

Anna Schürch und Sophie Vögele reflektieren in Herausforderungen einer Disziplinierung über akademische und forschungspolitische Fragen: Sie gehen den Prozessen der Disziplinierung und Disziplinwerdung der Art Education in der Schweiz nach und beleuchten die fachlichen Verhältnisse und die institutionellen Gegebenheiten, in denen sich diese vollziehen. Aus ihrer Positionierung als in diese Prozesse involvierte Akteur*innen heraus und im Anschluss an Überlegungen zu kunstpädagogischer Komplexität, zu disziplinärem Gedächtnis, zu reflexiver Selbstaffirmation, zu Organisationsstrukturen und Sorgearbeit sowie zu Institutionskritik entwerfen sie ein neues Verständnis der für die Kunstpädagogik als konstitutiv erachteten Interdisziplinarität. Die disziplinäre Verankerung von Art Education als interdisziplinär wird dabei als Aufforderung verstanden, Forschung in Art Education aktiv auf gesellschaftlich bedingte Verhältnisse und Herausforderungen zu beziehen.

 

Den Abschluss bildet Cornelia Dinsleders Rezension der Publikation Kalkül und Kontingenz. Kunstbasierte Untersuchungen im Kunst- und Theaterunterricht zum gleichnamigen Forschungsprojekt, das 2013–2015 an der ZHdK stattfand.



Kurzbiografien der Autor_innen: